Kernfrage

Es geht mir auf die Nerven. So geht es nicht weiter. Auf diesem Weg kann ich nicht weitergehen. Es zieht mir die Beine weg. Ich kann es nicht fassen. Ich kann das alles nicht mehr sehen. Das fühlt sich alles falsch an. Es ist hart.

Sprache erzeugt passende Bilder. Uns geht „das“ nicht an die Nieren und „es“ schlägt uns auch nicht auf den Magen. „Es“ bricht uns nicht das Herz. „Es“ zerfrisst uns auch nicht.
Uns geht "es" auf die Nerven.

Der erste MS-Schub ist eine zwangsläufige Zäsur, so oder so. Sie sind dringend aufgefordert, etwas zu tun. Mit den „stofflichen“ Änderungen (siehe die Menüs links) haben Sie die Voraussetzungen geschaffen, und wenn Sie Glück haben (sprich: eine dieser besonderen rein stofflichen MS-Varianten), reicht das schon aus. Sie sind wirklich vergiftet oder allergisch. Schaffen Sie das Gift weg und alles, was körperlich stört, befinden Sie sich auf dem Rückweg zur Balance.
Denn wenn Ihnen alle vier Stunden ein Hammer auf den Kopf fällt, werden Sie nicht gesund, nur weil sie zu innerem Gleichgewicht zurückfinden und sich klarmachen, wo Ihre Probleme und seelischen Verletzungen liegen. In dem Fall sterben Sie an dem dauernd fallenden Hammer - wenn auch seelisch ausgeglichen.

Aber nachdem wir den äußeren „Hammer“ ausreichend gewürdigt haben (und einige Wege, ihm auszuweichen), wird natürlich auch anders herum ein Schuh draus: die gesündeste Ernährung und alles Bogenschießen in der Maisonne nützen Ihnen nichts, wenn Sie sich selbst auf die Nerven gehen. Das wäre dann der unsichtbare innere Hammer, und der ist genauso verheerend wie der äußere.

Im Einzelfall, also meinem (dem "Fall Böttcher")? Ohne allzu persönlich werden zu wollen: in meinem Fall haben die Umstellung von Ernährung und Gewohnheiten und der „Wiederaufbau“ der körperlichen Balance nur die Grundlage für die verbleibenden Aufräumarbeiten geschaffen. Die wesentlich mühsamer waren, schmerzhafter und mehr Zeit erforderten – und mit denen ich auch heute noch immer nicht am Ziel bin, bloß erheblich stabiler als in meinen verheerenden ersten Krankheitsjahren. Sowie ohne „EDSS“, anders als früher.

Ich hatte viel aufzuräumen. Ich war falsch abgebogen. Hatte mir viel zu viel aufgeladen. Befand mich in einer aussichtslosen Situation, mit dem Rücken in der Ecke, umzingelt von „Toxischem“, beruflich wie privat. Ändern konnte ich daran nichts, ich sah keinerlei Ausweichmöglichkeiten, keinerlei Chance mehr, „flexibel“ zu reagieren. Mir blieb nur, mir einen Panzer zuzulegen und hart zu werden. Nicht anderen gegenüber: mir selbst. Dummerweise ließ sich das nicht vereinbaren mit meinen (ganz individuellen) seelischen Grundbedürfnissen, bei denen sehr weit oben „Aufrichtigkeit“ rangiert. Ein gerader Rücken. Und gegenseitiger Respekt. Was ich mir stattdessen äußerst clever gebaut hatte, waren enormer Druck, null Zuneigung, null Respekt und null Möglichkeiten, noch aufrichtig zu sein. Aber daran war ich selbst schuld, fraglos, denn es hatte mich ja niemand gezwungen, all diese toxischen Dinge, Jobs, Einflüsse und Menschen in mein Leben zu lassen. Das war ich selbst gewesen. Kurz: ich selbst hatte mich kaputtgemacht oder anderen gestattet, mich dabei zu unterstützen. Das Ergebnis war mein Zustand, was ich brauchte, waren neue Wege.
Nun ist es verlockend, auf diesem ersten Erkenntnisweg genau so weit zu gehen, bis man auf „Schuldige“ stößt: Eltern meist, Ex-Partner oder Noch-Partner, ehemalige Lehrer, Ausbilder, Weggefährten, notfalls Schulkameraden oder Ex-Trainer, die den eigenen Sieg im WM-Finale schon im Ansatz verhindert haben. Und überhaupt: All diese miesen Menschen, die einem im Weg gestanden haben, die einen verraten und verkauft, einen ausgenutzt, einem keine Chance gegeben haben!
Blah.

Oder auch nicht „blah“, sondern: „Hey! Toll! Was du jetzt alles über dich weißt! Wo deine seelischen Narben liegen! Und wer sie dir zugefügt hat!“ In Sachen Balance nützt uns das aber wenig oder nichts, denn wir können ja weder die Vergangenheit ändern noch die anderen. (Ernsthaft: wir schaffen es doch kaum oder nur mit großer Mühe, uns selbst zu ändern. Wieso sollte es uns gelingen, andere zu ändern?)
Jeder Weg zurück zur Balance führt daher über die schlichte Erkenntnis: Das ist meine Sache. Mit den anderen kann ich „uneins“ sein, aber offenbar bin ich uneins mit mir selbst (sic). Das geht nicht (sic). Das kann nur ins Auge gehen (sic), jedenfalls ist es, wenn ich mich selbst beschwindle (sic) kein Wunder, dass mir schwindlig ist (sic).

Sie werden nicht umhin kommen, anderen alles zu vergeben. Sie werden nicht umhin kommen, Ihre Lebensgeschichte umzuerzählen. Und sich selbst in dieser neuen Erzählung anders darzustellen. Dabei werden Ihnen einige Zacken aus der Krone brechen, aber wenn Sie diese Krone heil lassen, bleiben Sie kaputt, also beschädigen Sie lieber Ihre Krone. Sobald Sie sich selbst ein bisschen korrekter sehen und gleichzeitig kapieren, dass Sie sich von diesem leider gar nicht so perfekten Wesen nicht trennen können, weil dieses Wesen nun mal Sie selbst sind, seien Sie ein bisschen gnädig, heiraten Sie Ihr unperfektes Selbst, im Wissen, dass Sie einfach keinen anderen Partner kriegen, und schwören Sie, sich zu lieben, bis dass der Tod Sie beide gleichzeitig abholt. Sie können sich auf dem weiteren Weg gern gelegentlich selbst beschimpfen oder sich Teller auf den Küchenboden werfen, aber Sie werden sich ab jetzt gefälligst lieben.

Daraus ergeben sich ein paar interessante Verwerfungen. Gut möglich, dass Sie Dinge sein lassen. Oder anders machen. Sofern Ihr Job Sie quält, suchen Sie sich einen neuen (und ziehen aus dem Reihenhaus in eine geräumige Tonne, notfalls); sofern Ihr externer Lebensgefährte Sie quält, verändern Sie Ihre Beziehung oder lassen sich scheiden; sofern Sie Dingen, Menschen oder Umständen nicht komplett ausweichen können (zum Beispiel, weil Sie Ihre Kinder lieben), stellen Sie sich neu „in den Wind“ – in einer Position, in der Sie nicht mehr so viel Angriffsfläche für Gegenwind bieten. Sie müssen nicht immer allem standhalten. Manchmal hilft es schon, sich zur Seite zu drehen.

Auf diesem Weg zurück zur Balance, zur Einheit mit sich selbst, gibt es nicht „das Rezept“. Sie werden genau das tun müssen, was Sie seelisch verweigert haben und was Ihnen nun, nachdem Ihr Problem weitergewandert ist in Ihren Körper, sogar körperlich schwerfällt: Sie werden sich bewegen müssen. Und das offenbar auf neuen, anderen Wegen.

(Es gibt natürlich Menschen, die das alles für ausgemachten Quark halten. Es gibt Menschen, die an all das nicht glauben und die sich selbst für einen Audi halten: da fehlt nur ein Ersatzteil. Oder Schmiermittel. Und schon läuft die Kiste wieder. Wenn Sie mich fragen, haben diese Audis eine Schraube locker. Recht haben sie allerdings, wenn sie pragmatisch besorgt sind: Was wir da vorhaben, wird ein bisschen weh tun. Und es kostet Zeit. „Und im allerschlimmsten Fall macht es mich am Ende doch nicht wieder gesund!“

Letzteres ist natürlich ein Totschlagargument, um schon den Antritt der Reise komplett zu verweigern. Mir hat das aber nie eingeleuchtet, denn ich wusste ja um den absoluten „Worst Case“: Selbst wenn ich am Ende immer noch gelähmt wäre, wäre ich doch wenigstens bei mir.

Das wäre zwar nicht mein Wunschergebnis gewesen, aber doch: eindeutig besser als nichts. Beziehungsweise besser als die einzige Alternative: „gelähmt und nicht bei mir“.