Sport

Sport? Ja. An der Belastungsgrenze. Und wenn die bei Ihnen bedeutet, bis zur Haustür und zurück, dann fangen Sie damit an. Aber lassen Sie sich nicht einreden, dauernde Ruhe nütze Ihnen. Sofern Sie nicht gerade akut entzündet sind, bewegen Sie sich. Sitzend lernt Ihr Körper nämlich nur eins: sitzen.


Zugegeben, die Aufforderung, Sport zu treiben, ist nicht sonderlich originell. Ebenso wenig die Feststellung, dass wir alle uns zu wenig bewegen. Mussten wir einst täglich zehn bis zwanzig  Kilometer gehend oder laufend zubringen, um ausreichend Essbares zu finden oder zu erjagen, kommen wir heute mit einigen Gängen zum Kühlschrank aus, schlimmstenfalls drohen uns Fahrt und kurzer Gang zum Supermarkt. Daraus ergibt sich eine durchschnittliche Laufstrecke von täglich 800 Metern. Gut trainierte Menschen schaffen die in knapp zwei Minuten, wir Normalen brauchen 24 Stunden. Das ist nicht gesund.

Ein kognitives Problem für viele Erkrankte stellt allerdings dar, dass zwar unsere größte Sorge die ist, im Rollstuhl zu landen, dennoch die Wenigsten von uns das Nächstliegende unternehmen, um den Beginn ihrer Rollstuhlkarriere zu verschieben. Der Nutzen von Bewegung (vulgo: Sport) für den MS-Verlauf ist unter Behandlern so glasklar, dass sich nicht einmal jemand die Mühe macht, ernst zu nehmende Studien zu starten, weil das Ergebnis schon vorher feststeht. Zumal ja auch „jeder weiß“, dass starke Wechselwirkungen zwischen neurophysiologischen und muskulären Vorgängen vorliegen, sprich das Training nicht nur muskelstärkende Effekte hat, sondern auch helfen kann, die kognitive Leistungsfähigkeit des Gehirns direkt zu verbessern.1)

Die Zusammenhänge zwischen Sport und MS sind tatsächlich simpel. Denn tägliche Dehnungs-, Balance-, Kraft- und Ausdauerübungen verbessern nicht nur unseren allgemeinen Gesundheitszustand und schützen uns vor Fettleibigkeit und Herzkasperl, sondern sorgen auch für ein besseres Nervenwachstum und nehmen direkt Einfluss auf unser Immunsystem: Entzündungsfördernde Botenstoffe werden im Körper vermindert produziert, entzündungsdämpfende Botenstoffe und Nerven schützende Proteine2) vermehrt produziert  – und genau das wollen wir als „chronisch Entzündete“ ja erreichen.


Wo genau Ihre persönliche Belastungsgrenze liegt, finden Sie natürlich nur selbst heraus. Ob diese nun beim Gang zum Briefkasten erreicht ist, oder ob ihrem Körper Qi-Gong, Spaziergänge, Radfahrten, Schwimmbadbesuche, Bogenschießen oder Trampolinspringen gut tun, sollten Sie ausprobieren.

Niemand sagt, dass es einfach ist. Oder wird. Oder bleibt. Obendrein dauert es seine Zeit, bis man sich an die täglichen Übungen gewöhnt, denn der innere Schweinehund ist ein ernst zu nehmender Gegner – und, nicht vergessen: Wir finden immer eine 1A-Ausrede, weshalb wir nicht besser auf uns achtgeben.


P.S.: Beim Gefecht gegen den Schweinehund dient ein geeignetes Tagebuch manchem als passables Dopingmittel. Am besten legen Sie sich gleich eines zu, in dem Sie nicht nur hinter Ihre selbst gesetzten täglichen Bewegungsziele einen Haken machen, sondern obendrein Ihre Laune täglich kurz vermerken (Smileys kann jeder) sowie gegebenenfalls externe Einflüsse von Wetter bis Futter. Wenn Sie gern selbstseelsorgerisch und wissenschaftlich tätig sind, notieren Sie sich auch gleich noch Gewicht, ph-Wert am Morgen und was Ihnen sonst noch relevant erscheint. Tatsächlich lassen sich in einigen (wenn auch nicht allen) Fällen „Korrelationen“ herstellen, und manchmal kann man darauf sogar testweise reagieren (zum Beispiel, wenn Sie jedes Mal nach dem Genuss von Erdnüssen oder einem Besuch im Baumarkt oder einem bei der Verwandtschaft auf einen Schub zusteuern …).

© SB/lsms/Ludwig Verlag, München 2015, 04/2015



Literatur:

Beier, Meghan; Bombardier, Charles H.; Hartoonian, Narineh; Motl, Robert W.; Kraft, George H. (2014): Improved Physical Fitness Correlates with Improved Cognition in Multiple Sclerosis. In: Arch Phys Med Rehabil. DOI: 10.1016/j.apmr.2014.02.017.

Jelinek: Overcoming Multiple Sclerosis, S. 150. „Laboratory research shows that exercise releases certain proteins that protect brain cells.”