Grundlagen: Bausteine im Daueraustausch

Das zentrale Nervensystem (also Hirn und Rückenmark) besteht vorwiegend aus Lipiden, sprich Fettmolekülen – vor allem die Zellmembrane, die aus einer Doppelschicht Fett gebildet werden. Die Myelinschicht um die Nervenzellen, die bei MS-Kranken auseinander fliegt, besteht – surprise – ebenfalls aus Fett. Um sie wieder herzustellen, braucht man also: Fett. Respektive die Bausteine, die der Körper braucht, um sich sein Fett zu basteln. Woher kommen die? Für immer aus dem Mutterkuchen? Osmotisch aus dem Duschwasser? Nein, eher nicht. Sondern von außen, und zwar überwiegend durch den Mund und danach auf der Reise durch den Magen-Darm-Trakt. (Noch jemand an Bord, der den Zusammenhang von Myelin-Erneuerung und Ernährung nicht sieht? Außer den Ärzten auf meinen MS-Stationen und Reha-Einrichtungen, die Schweinebraten mit Glutamat-Soße und Tütenkartoffelpüree fröhlich abnickten?).Nun bestehen unsere Zellmembrane aber nicht nur überwiegend aus Fett, sie erneuern sich zudem ständig. Wie übrigens fast alles in Ihrem Körper. 98% der gerade in Ihrem Körper vorhandenen Atome sind Zugereiste und waren letztes Jahr noch gar nicht da, binnen sieben Jahren sind Sie gar 100%ig runerneuert. Aber ihr Körper erneuert sich nicht nur ständig selbst, er ist auch ganz entschieden daran interessiert, sich bestmöglich zu reparieren - weil er nämlich nicht bekloppt ist, sondern grundsätzlich egoistisch und gesundheitswillig. Ihr Körper will heil sein. Oder wenigstens so heil wie möglich. Immer.

Falls Sie's nicht glauben: Schneiden Sie sich mal in den Finger (nicht so tief!) und versuchen Sie danach – ohne Tricks – ihren Körper davon abzuhalten, wieder irgendwie zusammenzuwachsen. Nun braucht Ihr Körper also, um heil zu bleiben oder zu werden, die richtigen Rahmenbedingungen. Dazu gehört allerhand: das „Mind-Set“ (Psyche), also die richtige Mischung aus Ruhe und Spannung, die richtige Dosis Sauerstoff und Sonnenlicht, Optimismus und guter Laune – sowie das richtige Angebot an Mineralien, Glukose, Fett und Kohlehydraten. Aber speziell den Fetten kommt bei jeder Zellerkrankung besondere Bedeutung zu, und Fett ist eben nicht gleich Fett. Denn das eine ist eher Beton, das andere Gummi. Und wenn Sie einen erhöhten Bedarf an flexiblen Zellen haben, sollten Sie Beton meiden.

Auf dieser simplen Überlegung basiert die legendäre Swank-Diät, die der gemeine Schulmediziner, der im Studium oft Kreideholen war, gern als in der Wirkung unbewiesen zurückweist. Denn Doktor Roy Swank heilte zwar eine Riesenportion MS-Patienten, machte aber einen entscheidenden Fehler: Er verzichtete auf die „doppelblinde“ Kontrollgruppe, also jene Probanden, die nicht seine „Medizin“ bekamen, sondern ein Placebo. Und ohne diese Kontrollgruppe ist jede Versuchsanordnung mangelhaft, sprich "Setzen, Swank, gilt nicht".

Swanks Erklärung für seine methodische Kardinalsünde war indes schlicht: Wenn ich als Arzt von einer Therapie überzeugt bin, d. h. wenn ich weiß, dass sie greift, kann ich sie nicht Kranken aus „Versuchsgründen“ vorenthalten. Die von ihm behandelten Fälle kamen jedenfalls ganz prima wieder auf die Beine, ihre Krankheiten verliefen vergleichsweise mild, manche Patienten verzichteten ganz auf weitere Schübe. Die Ergebnisse sind durchaus „statistisch signifikant“:

Swanks ursprüngliche Studiengruppe umfasste im Jahr 1949 150 Patienten (Durchschnittsalter 34 Jahre), die er auf eine rigide Diät setzte – gesättigte Fette wurden fast vollständig aus dem Speiseplan gestrichen. Swank beobachtete seine Testgruppe sagenhafte 34 Jahre lang regelmäßig und gründlich, 1991 erschien in Lancet ein Bericht über 144 der Patienten. 72 von ihnen waren „good dieters“, konsumierten also weniger als 20 gr/Tag, die anderen schafften dies nicht (> 20 gr/tag). Unabhängig vom Behinderungsgrad (EDSS) beim Eintritt in die Studiengruppe trat bei den „Good dieters“ im Lauf der Jahre keine nennenswerte Verschlechterung ein, 95% der „Good dieters“ lebten nach 34 Jahren noch und waren körperlich aktiv.
Von den 72 nicht so guten „dieters“ waren nach 34 Jahren 58 tot, 45 davon an der MS gestorben, der Rest auf Rollstühle angewiesen oder pflegebedürftig.

50 Jahre nach Beginn bemühte Swank sich letztmalig, die Teilnehmer seiner Studie zu kontaktieren und hatte in 15 Fällen Glück. Diese Überlebenden waren inzwischen zwischen 72 und 84 Jahre alt, und alle 15 hatten sich zeitlebens an Swanks strenge Ernährungsvorschrift gehalten. 13 der 15 waren weiterhin „körperlich normal“ und voll mobil, die beiden anderen sehr alten Herrschaften benötigten eine Gehhilfe. Swanks Schlussfolgerung war vergleichsweise schlicht und sensationell: Offensichtlich kann, wer sich an seine strenge „Vorschrift“ hält, trotz MS körperlich unbeeinträchtigt sehr alt werden.

(Es ist durchaus spannend zu lesen, weshalb diese Sensation es nie bis in die Gehirne oder Praxen von Neurologen schaffte, aber hier ist nicht ausreichend Platz für Ausflüge in die Arbeitsmethoden von Fachschaften und Chemieherstellern. Bei Interesse lesen Sie Jelinek -> S.  101 ff, „The damning editorial“.)

Das sind allerbeste Nachrichten, die wir so gern zur Kenntnis nehmen. Lediglich eine leise Relativierung sei mir an dieser Stelle gestattet: Swank differenzierte meines Wissens bei den „bad dieters“ nicht zwischen „ein bisschen bad“ und „sehr, sehr bad“. So bleibt bei der kategorischen Feststellung, man müsse sich im Alles-oder-nichts-Sinn strikt (mit Küchenwaage) an die maximalen 15 bis 20 Gramm Fett pro Tag halten, ein Fragezeichen mit Beigeschmack. Denn die „good dieters“, die ich persönlich kenne, halten sich nicht nur strikt an gute Fette und Öle, sondern verhalten sich auch in jeder anderen Hinsicht überaus achtsam, sprich: ernähren sich generell sehr gesund, bewegen sich oft, körperlich wie geistig, gehen achtsam mit ihrer Seele um usw. So könnte das positive Ergebnis von Swanks Role Models eben nicht allein auf die weniger als 15 g Fett pro Tag zurückzuführen sein, sondern auch oder gar primär auf die begleitenden Faktoren (die Swank gar nicht in Betracht zog).

Was grundsätzlich nichts ändert. Es könnte allerdings bedeuten, dass man – bei Einhaltung aller anderen Regeln – auch mit einer nicht ganz so rigiden (sic) Einhaltung der Gesättigte-Fette-Regeln sehr gesund wird – und sehr alt.