1000 Gesichter?

Stellen Sie sich vor, Sie stünden auf einer Fußgängerbrücke, die eine Autobahn überspannt – unter sich den sechsspurigen, dichten Verkehrsstrom, neben sich einen distinguierten älteren Herrn mit Betonfrisur, in gepflegtem weißem Anzug. Der Herr schaut, wie Sie, hinunter auf die vorbeirasenden Autos, nickt wissend und sagt: „Sieh an, das Auto mit den tausend Gesichtern!“

Je nach Temperament und Tageslaune fänden Sie das vermutlich entweder poetisch, albern oder doof. Die meisten von uns würden wohl grinsen und dann höflich darauf hinweisen, die Feststellung sei grundlos unpräzise, denn zum Beispiel sei das da (Fingerzeig) ein Porsche, das da ein Peugeot, ein Mercedes, ein BMW, ein Toyota. Was nun wiederum den älteren Herrn zu einem mitleidigen Lächeln von oben herab animieren würde, und zwar nicht herab auf die Autos, sondern herab auf Sie. Denn er weiß es ja besser. Das da unten ist „das Auto mit den tausend Gesichtern“. Basta. Und er weiß auch, wie man das repariert, wenn es mal stehen bleibt. „Man baut einen frischen Kreidler-50-Kubik-Motor ein, und zack, schon fährt es wieder.“

Dieser Mann ist Neurologe. Und falls Sie den einen von zehn finden, der einräumt, seine Vorgehensweise sei einen Hauch willkürlich, haben Sie wirklich Riesenglück gehabt. Auf den Einbau des Kreidler-Motors in Ihren Porsche wird er aber trotzdem bestehen.

Neurologen nennen Multiple Sklerose „die Krankheit mit den tausend Gesichtern“. Sie wissen es nicht besser – und können es vermutlich auch nicht besser wissen, denn Neurologen sind ja keine Forscher. Und wenn die Forscher versagen und keine Antworten haben – was soll der arme Neurologe da sagen? Außer vielleicht: „Ich weiß nicht, was das für ein Auto ist. Das Einzige, was ich tun kann, ist: Ihnen einen Kreidler-Motor einbauen. Die Chancen, dass Sie danach weiterfahren können, stehen allerdings nicht allzu gut. Aber ich könnte es probieren. Mehr kann ich nämlich nicht. Soll ich? Oder wollen Sie’s lieber mal bei jemandem probieren, der ein bisschen Ahnung hat?“

Das wäre doch deutlich ehrlicher. Und hilfreicher. Aber so sind Neurologen nun mal nicht gestrickt. Sie geben nicht gern zu, dass sie keine Ahnung haben. Und noch viel weniger gern schicken sie ihre Patienten zur Konkurrenz, zu Hausärzten, Alternativheilern, Komplementär-Natur-Ärzten, Ernährungsexperten oder Philosophen.

Sollten sie aber.

Die Forscher, die unsere armen, selbstsicheren Neurologen im Stich lassen, haben solche Probleme nicht. Die haben ja mit Kranken nichts zu tun, nur mit Krankheiten. Und was hinsichtlich dieser Krankheiten erforscht wird, liegt in ihrem Ermessen ...

Nein, natürlich nicht. Auch die Forscher sind arm dran, denn um zu forschen, brauchen sie Mittel, einfacher gesagt: Geld. Um ihre Miete zu zahlen, erst recht aber, um Studien durchzuführen. Am besten zunächst einmal empirische, um überhaupt herauszufinden, wer warum an zum Beispiel einer „MS“ erkrankt – beziehungsweise den 10 oder 100 Krankheiten, die unter diesem Begriff zusammengefasst sind. Im zweiten Schritt müsste der verdutzte und neugierige Forscher dann natürlich herauszufinden versuchen, weshalb sich die Krankheitsverläufe von Patient zu Patient so gravierend und überhaupt nicht vorhersagbar unterscheiden (erst recht: warum manch Erkrankter widerborstig gesund wird und nie wieder zum Arzt geht) – wozu der Forscher lediglich die Ursache/n für die Erkrankung/en gefunden haben müsste, um dann Krankheit für Krankheit herauszufinden, was den Genesungsprozess im Einzelfall befördert oder eben behindert. Und dazu müsste er vermutlich „nur“ ein paar größere Studien mit sehr vielen Erkrankten (sowie Gesundeten) durchführen und die eine ganze Weile genau beobachten. Sehr genau notieren, was die Probanden Tag für Tag essen, trinken, einatmen, denken, fühlen, tun und treiben, wie sie sich fühlen, ob sie Kummer haben oder fröhlich sind, wo sie wohnen, wie sich das Wetter auf ihr Befinden auswirkt und der Pollenflug. Und und und.

Das klingt schwierig? Ist es nicht. Es kostet nur Geld. Aber nicht viel. Ein paar Millionen vielleicht. Zwei. Oder fünf. Oder 100. Das klingt nach viel? Weltweit geben die MS-Kranken jedes Jahr etwa 16 Milliarden für Medikamente aus. Keines davon heilt ihre Krankheit/en. Warum also geben wir nicht statt Milliarden ein paar Millionen aus und finden die Ursachen für die tausend Krankheiten, die MS heißen?

Die Antwort klingt einfach und ist es auch: Fänden wir heraus, dass es sich um 10 verschiedene Krankheiten handelt, die in zahlreichen auf „natürliche“ Weise mild verlaufenden Fällen allesamt geheilt oder gelindert werden können, indem die Betroffenen Dinge weglassen (ob nun Rotwein, Erdnüsse oder Lösungsmittel, ihren Job, ihren Ehe oder eine Kombination aus allem und noch ein paar anderen Dingen) – wer sollte ein Interesse an diesem Wissen haben.

Außer den Patienten. Klar. Aber die Patienten bezahlen ja keine Studien. Und sollten Sie meinen, das täten die Patienten doch, weil sie ja neben ihren riesigen Krankenkassenbeiträgen auch noch Steuern zahlen und Steuergeld in Universitäten und Forschung fließt, sind Sie auf sympathische Weise naiv. Wir, der Staat, das Volk, haben kein Geld für Studien. Oder nur sehr wenig. Aus Gründen, die hier nichts verloren haben. Medizinische Forschung und Studien werden fast ausschließlich von denen bezahlt, die mittels ihrer Tätigkeit am Ende Medikamente zu erfinden hoffen, mit denen sie Geld verdienen können. Und es wäre ökonomischer Selbstmord, unternähme ein Pharmaunternehmen Studien, um kein verkaufbares Medikament zu finden, sondern bloß die Erkenntnis, dass Patienten etwas weglassen müssen.

Wie soll man denn „Weglassen“ gewinnbringend verkaufen? Eben. Damit lässt sich kein Geld verdienen. Was unser distinguierter Freund auf der Brücke mit einem Achselzucken zur Kenntnis nimmt, um anschließend wieder fröhlich auf eines der Autos mit den tausend Gesichtern zu deuten.

Als Gesunder kann er damit leben. Wir hingegen nicht. Wir Kranken. Jedenfalls nicht so entspannt wie der Gesunde. Denn wir sind im wahrsten Sinn des Wortes betroffen – und auf den Mann mit der Betonfrisur angewiesen. Sowie  auf die Forscher.

Aber solange Mediziner wie Forscher mitmachen, bedienen wir uns doch gern unseres eigenen Verstandes (mit freundlicher Unterstützung unseres sicheren Gefühls, dass wir selbst ganz gut merken, was uns nützt und was uns schadet).

 

© SB/Ludwig Verlag 2015, mit freundlicher Genehmigung.